gregor samsa lebt!

Discussion in 'German' started by lostsnoozle, Dec 8, 2004.

  1. lostsnoozle

    lostsnoozle Member

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    Paul Hurleys Verwandlung zum Wirbellosen begann an einer Supermarktkasse in Stokeinteignhead, Grafschaft Devon, Südengland. Er kaufte ein paar Salatköpfe, frisch, grün, gut gewaschen, mehrere Rollen Frischhaltefolie und Gleitcreme.

    Dann fuhr Hurley, 25, ein hübsch anzusehender Künstler aus Cardiff mit stoppelkurz rasiertem Kopf, zum stillgelegten Milchhof am Ortsausgang und begutachtete seine neue Wirkungsstätte im Wald: ein Matschloch, knapp einen Meter tief, drum herum wuchsen Gräser und Kräuter. Am Boden des Lochs hatte sich Wasser gesammelt, mit der dunkelroten Erde mischte es sich zu einer unansehnlichen Brühe. Morgen früh, 11. September 2004, sollte es losgehen, man hatte zu einem Kunstfest geladen, und Hurley war ausgewählt worden.

    Er musste jetzt nur noch in die richtige Stimmung kommen. Neben das Matschloch stellte er sein Zelt, kochte Tee auf dem Gaskocher und schaute zum Himmel. Keine Sterne, das Wetter war so, dass es Regenwürmer an die Oberfläche treibt: regnerisch.

    Am nächsten Morgen zog Hurley eine Absperrleine um das Matschloch, zum Schutz der Zuschauer. Es reichte schließlich, wenn einer ins Loch fiel: Hurley, der Künstler.

    Er setzte sich eine Schwimmbrille auf, zog sich aus bis auf die Unterhose, legte sich platt auf die Erde und wickelte die Frischhaltefolie um seinen Körper, dass Arme und Beine kaum noch zu bewegen waren, drückte mit den Zähnen die Tube Gleitcreme über seiner Brust aus und verstrich die weißliche Paste, indem er sich langsam wälzte im Matsch.

    Hurleys äußerliche Verwandlung war jetzt vollzogen, er robbte ins Loch. Er wollte wissen, wie es ist, ein Gemeiner Regenwurm zu sein, ein so genannter Lumbricus terrestris aus der Gruppe der Wenigborster, braunviolett, von einer Schleimschicht umhüllt. Neun Tage lang.

    Am ersten Tag kamen ein paar Künstlerfreunde aus Cardiff. Sie saßen um das Loch herum, schwiegen und rauchten. Sie kannten das schon, früher war Hurley Schlange und Nacktschnecke. Auf einer seiner Performances verband er sich mit einem Tuch die Augen und ließ sich an einer Leine von Zuschauern sechs Stunden lang, jeden Samstag, durch ein verschlossenes Zimmer jagen: als Hund.

    Am zweiten Tag kamen ein paar Kinder mit ihrem Lehrer. Sie fragten: "Hallo Wurm, geht es dir gut?" Hurley antwortete nicht. Der Lehrer sagte, ihr müsst das verstehen, Würmer haben keine Augen, sind taub und stumm. Die Kinder nickten, bald wurde ihnen langweilig.

    Am vierten Tag schien die Sonne, Hurley grub kleine Tunnel, so, wie Würmer es tun, wenn sie sich durch die Erde wühlen und mit ihrem Kot die Wände ihrer Gänge auskleiden.

    Am sechsten Tag - oder war es schon der siebte? -, Hurley verließ langsam das Gespür für Zeit und Raum, kam ein Kamerateam von Sky News. Sie beugten sich über das Loch und sahen Hurley, der gerade an einem Salatblatt aus dem Supermarkt knabberte und fror. "Erlauben Sie die Frage", sagte der Reporter, "was soll das Ganze?"

    Hurley antwortete nicht, er war es leid. Dabei ist alles so einfach:

    Hurley wollte erleben, wie es sich anfühlt, eins zu sein mit der Erde, auf der wir leben und in die wir kommen, wenn wir tot sind. Er wollte den Unterschied erfahren zwischen Menschsein und Tiersein an dem Punkt, wo sich beide einander annähern.

    Hurley ist homosexuell. An der Kunsthochschule hat er Texte von Judith Butler gelesen, Julia Kristeva, Michel Foucault. Es geht ihm um mehr als bloß um Regenwürmer. Er wollte Gender Studies im Freien betreiben, jene Theorien überprüfen, in denen es um die soziale Konstruktion sexueller Orientierung geht. Dazu eignet sich der Regenwurm, fand Hurley, ganz gut, ein Hermaphrodit, Mann und Frau zugleich, ein Zwitterwesen. Es ging ihm um Ausgrenzung, um Qualen am eigenen Körper und darum, wie es ist, Opfer zu sein. Opfer des Menschen.

    Das aber, dämmerte Hurley, Wurm gewordener Mensch im Erdloch, war denen da oben zu hoch. Er knabberte noch ein Weilchen am Salat, versuchte sich an Erdklumpen, so, wie Würmer es tun. Die schönsten Stunden verbrachte er nachts im Zelt, trocken und warm. Einmal wickelte er sich aus der Frischhaltefolie und trank ein Bier im Pub. Am neunten Tag war alles vorbei und Hurley erleichtert.

    Auf die Frage, was er nun gelernt habe als Wurm, sagt Hurley, dass es falsch war, als Kind Salz auf Nacktschnecken zu streuen oder Würmer in der Mitte durchzuschneiden, auf dass beide Teile davonkriechen. Erstens, sagt Hurley, überlebe meist nur der Teil mit dem Kopf. Und zweitens wisse er nun, dass Würmer nützlicher seien als der Mensch. Weil auch viel Macht liege in der Machtlosigkeit der Wirbellosen.

    Als Nächstes will Hurley Insekt werden, welches, weiß er noch nicht.



    kafka rockt den scheisss .... oder was sagt ihr dazu? was meint ihr? wohin geht die sache? was ist der zweck? wo liegt die bedeutung? bin gespannt auf eure ideen. euer fabsen
     
  2. Southernman

    Southernman Boarischer Rebell

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    Schon lange her, dass ich die Verwandlung gelesen habe. Der Typ kneift ja, die Würmer in meinem Garten übernachten jedenfalls nicht in einem Zelt, wäre mir aufgefallen. Als nächste, wie sich der Wurm am Angelhacken fühlt? Bräuchte jedenfalls einen ziemlich grossen Hacken. Interessant, was Leute so alles anstellen, um in die Presse zu kommen und sich einen Namen als Künstler zu machen.
     
  3. Heaven

    Heaven Senior Member

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    Sorry, ich hab schon den wirklichen Sinn von "die Verwandlung" nicht verstanden und fand das Buch eigentlich nur ecklig *g* (ich Banause).
     
  4. Flowerian

    Flowerian Senior Member

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    Ich habe grade das Glück es im Deutsch-LK durchzunehmen - mir gehts ähnlich wie dir, ich finde es schrecklich, aber mit Kafka kann ich i.A. nix anfangen ;)
     
  5. EagleSGE

    EagleSGE Member

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    Ich war nie solch ein Kind, ich habe schon immer Tiere und Pflanzen geachtet. :D
    Um auf diese Erkenntnis zu kommen, muss ich mich nicht als Wurm ausgeben, zumal das Tierchen vermutlich kaum solch komplexe Gedanken hegen wird. ^^
     
  6. ~Aglaja~

    ~Aglaja~ Member

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    ähm.. also, ich hab zwar Kafkas Verwandlung nicht gelesen...

    aber ich würd sagen hier gehts irgendwie um Identitätsfindung .... und das in einer Zeit, in der alles irgendwie erlaubt ist und doch nicht akzeptiert wird von der Gesellschaft... wenn man das so sagen kann.

    Ich meine... Hurley ist homosexuell. Und dass er Judith Butler - vermutlich ihr "Unbehangen der Geschlechter" - gelesen hat, sagt irgendwie alles. Geschlechtsidentität ist ein kulturelles Konstrukt und genau das versucht Hurley glaub ich künstlerisch zu zeigen... aber die Allgemeinheit verstehts nicht. Was man auch an der (immer noch) nur scheinbaren Akzeptanz von Homosexualität in unserer Gesellschaft sieht.


    Hmm....
    ehrlich gesagt hab ich keine Ahnung...
    aber...
    Künstler sind ver-rückt. :p
     
  7. ~Aglaja~

    ~Aglaja~ Member

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    vielleicht ists auch einfach nur eine Parodie der in der Vergangenheit ziemlich ausufernd gewordenen gender studies



    :D
     
  8. EagleSGE

    EagleSGE Member

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    Gender studies?
     
  9. Kastenfrosch

    Kastenfrosch Blaubeerkuchen!! Lifetime Supporter

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    Also gerade bei der Zeitgenössischen kunst ist es so, daß eigentlich nur sehr wenige Leute überhaupt einen zugang zur Arbeit bekommen. Viele verstehen zum beispiel nicht, daß es heute nicht mehr um techniken geht. Da kommen dann so sätze wie:"Das kann ich auch". Sicher kann die entsprechende person das was da auf der Leinwand, Wand oder sonstwo ist reproduzieren, aber darum geht es nicht. es geht um das konzept der arbeit, um das was vorher im kopf des künstlers stattgefunden hat. Das was dann später sichbar ist, ist oft nur sowas wie eine dokumentation eines langen prozesses.

    Viele erwarten auch Bilder oder Skulpturen, wenn sie Kunst sehen wollen. Aber die konzeptuelle Kunst, wozu wohl auch Hurly gehört, hat eine viel größere palette an disziplinen (Installation, performance, video, objekte, aber auch alle "klassischen" Medien, und alle kombinationen) um nicht sogar so weit zu gehen daß sie absolut interdisziplinär sind. Alles was als ausdrucksmittel möglich ist, ist erlaubt.

    Ob das nun vom rest der gesellschaft akzeptiert wird, ist eine andere Frage. Darüber macht sich der Künstler auch eigentlich recht wenig gedanken, weil es eben nicht immer darum geht etwas für's breite publikum "leckeres" zu poduzieren. Dafür gibt es dann Delacroix Ausstellungen.....

    Letztendlich genügt so ein kurzer text nicht unbedingt, um sich ernsthaft mit einem Künstler und seiner arbeit ausseinander zu setzen. Wichtig ist heute mehr als je mals zu vor, sich mit der Biografie und den anderen arbeiten auseinander zu setzen, und wenn man auf artikel zurückgreift, möglichst viele zu lesen, um nicht der immer subjektiven meinung eines anderen aufzusitzen. Das alles ist ein doch langwieriger Prozess, und sicherlich auch ein teil des Grundes, warum diese Kunst einfach nicht für die Massen ist.

    Hoffe, ich hab jetzt keinen abgeschreckt.....
     
  10. Southernman

    Southernman Boarischer Rebell

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    Ups, da fühlt sich die mitleidende Künstlerseele wohl etwas auf den Schlips getreten? ;)
    In aller künstlerischer Freiheit erlaub ich mir jetzt mal, Dein Posting von hinten aufzurollen,ok?

    Mich jedenfalls nicht, siehst Du ja

    Das ein so kurzer Text für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einem Künstler und seiner Arbeit nicht genügt, da gebe ich Dir recht, zumal, wenn er so Aussagen wie - ein hübscher Mann - ist homosexuell - enthält, ohne zu erläutern, ob da ein Zusammenhang mit seiner Kunst besteht und ob und warum die Kenntnis dieser Punkte wichtig ist, um seine Arbeit zu verstehen. Die Maike hat sich an diesen Punkten ja weiter oben schon um Verständnis bemüht, kommt aber über 'glaub ich' und 'vielleicht' auch nicht hinaus. Also, hier noch ein paar Links zu Paul Hurley, die geben aber ehrlich gesagt auch nicht viel mehr her, zum Rest dieses Absatzes, langwieriger Prozess, um zu verstehen und Kunst für die Massen oder nicht schreib ich weiter unten noch was.
    Artists Statement

    Kopie eines Artikels aus der Times (Um an das Original ranzukommen, müsste der kostenpflichtige Archivdienst der Times bemüht werden)

    7 News on Seven - September 20, 2004
    Man becomes earthworm in the name of art
    A British performance artist is living life as an earthworm as part of a contemporary art event in southwest England. Paul Hurley has spent more than a week in plastic wrap, slithering in an out of muddy holes in the Devon countryside. In previous incarnations, 25 year old Hurley coated himself in KY Jelly to become a slug and spent two hours licking the inside of a greenhouse in another performance as a snail.
    'Becoming Earthworm' is part of the Art Farm Project, in which barns and outbuildings at Middle Rocombe Farm in south Devon have been transformed into venues for displaying visual art. The 25-year-old artist said the changeable British weather had given him a rounded earthworm experience. His next performance will be in his home town of Cardiff, where he will become an insect.

    Ok, das haben Beuys und Warhol auch schon mal so ähnlich verzapft. Die Künster, die ich persönlich kenne, haben sich jedenfalls jede Menge Gedanken gemacht zur Akzeptanz ihrer Kunst im Rest der Gesellschaft, spätestens ab dem Zeitpunkt, als es darum ging, ob sie mit ihrer Kunst die Kinder, die sie in die Welt gesetzt haben ernähren können. Ist sicherlich nicht represantiv, weil aus meinem Freundeskreis. Einer, aus der Zunft der konzeptuellen Künstler mit einer grossen Palette an Disziplinen, hat seine Frau mit dem Baby einfach sitzen gelassen und sich dermassen viel Gedanken gemacht, dass er seine Kunst seit ein paar Jahren nur noch seinen Mitpatienten im Bezirkskrankenhaus Haar hier in München vorführt. Die anderen beiden, ein Paar, das seit Mitte der 70er zusammen ist, waren beide mal verdammt gute Maler, und das sogar in der Zeit, als es durchaus auch noch um Technik ging. Sie hat die Malerei an den Nagel gehängt, als nacheinander die drei Kinder kamen, die mittlerweile alle erwachsen sind und ist leider nie mehr zum Malen zurück gekehrt, sie ist jetzt Teihaberin und Geschäftsführerin eines grossen Bio-Supermarkts in Landsberg/L. und ernährt die Familie, er hat die Malerei aus Frust auch vor ein paar Jahren aufgegeben und schlägt sich heute mehr schlecht als recht als Gebrauchsgrafiker in der Werbebranche durch, weil er einfach eine zu ehrliche Haut dafür ist, die Leute auf Vernisagen oder ähnlichem durch möglichst hochgestochenes Rumgeschwafel blöd zu reden und so zu überzeugen, etwas zu kaufen.
    Wenn Du mit dem 'leckeren' Futter fürs breite Publikum FERDINAND- VICTOR-EUGENE DELACROIX (1798 - 1863) meinst, was sagst Du dann zu folgender Aussage von der Webseite:
    His remarkable use of color was later to influence impressionist painters and even modern artists such as Pablo Picasso.
    Nach meinem simplen Verständniss doch mehr, als nur was leckeres fürs breite Publikum. Die Blödeleien, die mir als alter Freak Deine Verwendung des Begriffes 'breit' bietet erspare ich uns jetzt mal.

    Sorry, Tanja, aber das ist totaler Stuss und genau das Geschwafel, das ich gerade meinte. Zeitgenössische Kunst ist also bloss noch was für eine Elite, die Zugang zu der Arbeit bekommt? Kunst kommt jetzt also nicht mehr von können, weshalb die Techniken auch nicht mehr wichtig sein sollen? Ich glaube, dass viele von dieser Elite, die behaupten, Zugang zu der jeweiligen Arbeit eines sogenannten Künstlers zu haben, nur so tun als ob, weil sie sich nicht trauen, dem Konsens ihres Umfeldes zu widersprechen, Angst davor haben, als Banause abgestempelt zu werden usw.
    Den Auspruch "Das kann ich auch" das letze mal vor ein paar Jahren von meinem damals 9-jährigen Stiefsohn in einer Paul Klee Austellung gehört, durch die ihn seine kunstbeflissenen Eltern geschleift haben. Die Blicke der umstehenden kunstgeniesenden Elite, die er sich für diesen Auspruch einhandelte, waren einfach zu köstlich. Mit dem, was Du hier schreibst, erkläre ich jetzt meine langen Postings hier ab sofort auch zu Kunst. Es geht um das Konzept, um das was vorher in meinem Kopf stattgefunden hat und das, was dann sichtbar ist, ist oft nur sowas wie eine Dokumentation eines langen Prozesses, Aussedem hat YinYangFish in einem anderen Thread bereits darauf hingewiesen, dass vielleicht ein Zusammenhang zwischen der Komplexität des Themas und der Länge meiner Postings besteht. Also hütet Euch davor, über meine Postings zu meckern, dann bitte ich die Tanja, Euch zu erklären, dass Ihr es leider sowieso nicht verstehen könnt, weil Ihr einfach nicht zur Elite gehört.

    Für mich ist die grösste Kunst immer noch die, die mit möglichst geringen Einsatz von Mitteln und wenig Aufwand viele Menschen, egal, wie alt, anspricht, ohne langwierige Verständnissprozesse und aufwendige Recherchen. Und dass die konzeptionelle Kunst heute nur noch wenig Menschen anspricht und deshalb immer ausgefallenere Konzepte nötig sind, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu erwecken, wundert mich gar nicht, das war vor 30, 40 Jahren was anderes, als es noch darum ging, den Mief aus der Gesellschaft zu vertreiben, aber mittlerweile ist das alles so ausgelatscht, dass nur was völlig Neues und Anderes der Kunst ermöglicht, das breite (*gr*) Publikum von der TV-Berieselung weg zu locken.
     
  11. ~Aglaja~

    ~Aglaja~ Member

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    Ich kann nur sagen, dass Kunst mich absolut berühren muss, damit ich sie als sehr gut bezeichnen kann. Das ist natürlich alles eine sehr subjektive Sache.
    Ich liebe beispielsweise die Bilder von Leonor Fini, Edgar Ende und Arik Brauer, um mal drei Beispiele zu geben.

    Ich weiß nicht, ob Kunst unbedingt immer ein Konzept braucht. Ich war immer der Meinung, dass das, was auf der Leinwand erscheint, ein Blick ins Innere des Künstlers ist.... weil schließlich kommt das aus ihm heraus, was er produziert. Bei zeitgenössischer Kunst, die hier in Wien beispielsweise ausgestellt wird, da frage ich mich manchmal wirklich, was in den Köpfen der Künstler vorgeht. Mir schlägt da nur Dunkelheit und rohe Gewalt entgegen.

    Bei diesem Gedanken fällt mir gerade ein Buch ein, das ich kürzlich las: Siri Hustvedt: Was ich liebte. Es geht um Kunst und Künstler und ich kann mich an eine Diskussion in diesem Buch erinnern, in der es darum geht, was Künstler alles tun, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Einer erschoß vor laufender Kamera einen kleinen niedlichen Welpen. Andere verstümmelten sich selbst und bezeichneten das als Kunst. Ich schreibe Euch mal einen kleinen Absatz aus diesem Buch, der mich ein wenig nachdenklich machte. Es spricht hier ein junger Künstler, der in seinen Ausstellungen menschliche Figuren verstümmelt... mit Kettensägen.. Messern .. usw. und dessen Kunst in der New Yorker Szene - vor allem bei jungen Menschen sehr gut ankommt:

    "Bedeutung interessiert mich nicht. Ich glaube nämlich nicht, dass das noch sehr wichtig ist. Die Leute wollen das nicht, wirklich. Sie wollen Speed. Und Bilder. Schnelle Beute bei kurzer Aufmerksamkeitsspanne, das macht sie an. Werbespots, Hollywood-Filme, die Sechs-Uhr-Nachrichten, ja sogar Kunst - letzten Endes läuft es nur auf Shoppen hinaus. Und was ist shoppen? Rumlaufen, bis dir irgendwas Begehrenswertes ins Auge springt und du es kaufst. Warum kaufst du es? Weil es deinen Blick fängt. Wenn nicht, zappst du in ein anderes Programm. Und warum fängt es deinen Blick? Weil es etwas hat, was dir einen Kick gibt. Vielleicht ist es ein Funkeln oder ein Leuchten oder ein bisschen Blut oder ein nackter Arsch. Nur der Kick zählt - nicht das Etwas. Es ist ein Kreislauf. Du brauchst den nächsten Kick, also gehst du erneut los, blätterst deine Dollars hin und kaufst dir wieder was."



    Das Buch von Siri ist übrigens sehr empfehlenswert. Sehr krass. Und mich hats auch teilweise ein wenig geängstigt und schockiert, aber es hat mich sehr stark beeindruckt.
     
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