mein Buch

Discussion in 'German' started by Heaven, Jan 6, 2005.

  1. Heaven

    Heaven Senior Member

    Also, ich bring hier nach langem Überlegen mal ganz schüchtern eine Seite aus dem "Buch", das ich 1996 geschrieben hab. Es handelt von einem Mädchen, das 1966 von Deutschland nach San Francisco auswandert und dort eine Zeit in einer Kommune lebt. Bin z.Z. dabei das ganze ein bisschen zu verbessern und meine jugendlichen Träume zu Ende zu schreiben *g*.

    Kuss, Sabine
     
  2. Heaven

    Heaven Senior Member

    ... Wir verließen die Kommune noch an diesem Morgen. May (Anmerkung: die Freundin meines besten Freundes) , ein Kilo Haschisch, Dandy (Anmerkung: mein Hund) und ich. May straffte die Schultern, als sie an der Ampel stand, die wir überqueren mussten um zu Purple (Anmerkung: mein Vw Bus) zu gelangen, der auf der anderen Straßenseite stand. Es war nicht weit und im Bus waren wir mit dem Stoff sicherer. Ein Reisebus fuhr vorüber. „Gray Line Tours“ stand rot plakatiert darauf. Touristen drückten sich die Nasen an den Scheiben platt. May besaß nach dieser Nacht immer noch eine gewisse Sinnlichkeit, einen gewissen hexenartigen Charme und doch wirkte sie an diesem Morgen eher tragisch, wie sie so aufrecht dastand in ihrem weiten Hemd und den Drittweltschuhen, das Paket Hasch im Rucksack und sich gegen die Schwerkraft wehrte. „Stell dir vor, dieses Sightseeing Unternehmen unterhält eine tägliche „Hippie Tour“ nach Haight Ashbury. Die Busse dürfen auf Empfehlung der Gesundheitsbehörde nirgendwo anhalten.“

    Als die Ampel grün wurde gingen wir schweigend nebeneinander her. Wir luden unser spärliches Gepäck in den Kofferraum, Dandy sprang hinterher. Ich fütterte ihn und stieg dann auf den Beifahrersitz. May sollte uns zu ihrer Kommune bringen, wie sie es versprochen hatte. Ich war trotz eines unaufhörlichen Brummens in meinem Kopf, wahrscheinlich eine Nachwirkung des LSD, überglücklich und ausgelassen. Hier war die Schönheit unter all der Hässlichkeit der Fassaden zu erkennen, hier waren Drogendealer und Irre, Fassungslose und Verwirrte und dennoch liebte ich diese Welt, weil sie so rein und unverwüstlich schien. Ich wollte, dass auch andere Menschen diese Welt lieben müssten. Arme und Reiche und meine Eltern, meine Freunde zu Hause, meine Familie. Ich wollte sie aufrütteln und anschreien um ihnen zu sagen, welch rohen Diamanten ich hier am anderen Ende der Welt ausgebuddelt hatte, der nur darauf wartete geschliffen zu werden um in seinem vollen Glanz zu erstrahlen. Der Sinn meines Lebens hatte sich mit einem Moment völlig klar und offen gelegt. Er hatte etwas mit all dem hier zu tun. Mit den Rädern, die über Beton surrten, den steilen Hängen San Franciscos, den jungen Paaren, die Hand in Hand völlig bunt und deplaziert scheinend durch die Strassen irrten, sich etwas zuflüsternd, den Kopf schüttelnd. Dem nach Fleisch duftenden Rauch, der aus den silbernen Karren der Straßenhändler aus Guatemala aufstieg, dem gefleckten Hund, den Dandy durch die Autoscheiben hinweg anbellte. Im Autoradio lief „You`re going to hide your love away“ und ich schloss für einen Moment die Augen. Nein, sie würden es nicht verstehen. Dies war meine Welt und niemals ihre. Wie kann ich sie trotzdem lieben, fragte ich mich. Menschen, die einem so nahe waren und doch das wichtigste und tiefste Gefühl meines Lebens nicht teilen konnten? Ich wusste, dass ich sie dennoch liebte.

    „Hey, Martina“, rief May aufgekratzt. “Wir fahren jetzt aus der Stadt heraus. In einer Stunde werden wir im Nirwana angekommen sein!“

    „Wo?“

    „Im Nirwana, das ist der buddhistische Begriff für seeliges Erlöschen im Nichts. Für die Buddhisten ist es der erstrebte Zustand absoluter Wunschlosigkeit, frei von Schmerz und Leid. Wir haben unsere Kommune so genannt, weil es für uns ein ähnlicher Ort ist.“

    „Nirwana“, flüsterte ich und lies jeden Vokal auf der Zunge zergehen.

    Wir fuhren über die Golden Gate in Richtung Sausalito. Ich hielt mein Gesicht aus dem Fenster und vom Fahrtwind stiegen mir die Tränen in die Augen. Hoffnungslos verliebt in diese Brücke versuchte ich alle Eindrücke in mich aufzusaugen. Das knallige Rot, den salzigen Geruch der Bucht, vermischt mit dem Benzingestank der Autos. Das Rauschen des Verkehrs, das Grau der Straße und den Sound von Simon & Garfunkel im Radio.

    All das liebte ich. Ich liebte es.
     
  3. weep

    weep Senior Member

    Wie gehts weiter? Kriegen wir noch mehr zu lesen? Bitte, bitte!! :)
     
  4. Heaven

    Heaven Senior Member

    Also das war jetzt einfach eine Seite mitten raus. Wenn du o. ihr wollt, kann ich mal demnächst die ersten paar Seiten posten...
     
  5. weep

    weep Senior Member

    :) yeah baby :)
     
  6. Anjee

    Anjee Member

    ja!!! gerne!
     
  7. Southernman

    Southernman Boarischer Rebell

    Also, auf geht's. Und bitte net bloss die ersten paar Seiten.
     
  8. Heaven

    Heaven Senior Member

    ok, ich brauch noch ein bisschen! Aber bald setz ich was rein! Muss es noch a weng überarbeiten.
     
  9. Heaven

    Heaven Senior Member

    Ok, wie versprochen setze ich hier immer wieder ein paar Seiten rein...

    Wie gesagt, es entstand 1996/97, ist sicher kein literarisches Meisterwerk, aber mit viel Herzblut geschrieben. Wer einen Fehler findet, kann ihn behalten *g*
     
  10. Heaven

    Heaven Senior Member

    San Francisco, Herbst 1995




    „Lest bitte bis morgen Seite 63 bis 68. Ich wünsche euch noch einen schönen Tag!“ Meine letzten Worte gingen im vorfreudigen und aufgeregten Lachen der Jugendlichen unter.

    Während meine Schüler aus dem Raum strömten, blickte ich aus dem Klassenzimmerfenster. Die Bäume auf der anderen Straßenseite malten Schattenbilder auf die Erde und die Blätter flogen im Herbstwind. Sie schenkten der Welt die allerschönste Farbenpracht.

    Die Erleichterung der kids über das Ende des Schultages hatte sich auch auf mich übertragen und ich freute mich auf einen stürmischen Herbstspaziergang zur nächsten Metro-Bahnstation.

    Seit zwei Tagen stand mein Auto jetzt schon zur Reparatur in der Werkstatt und ich merkte wieder einmal, wie sehr ich mich an den alten Fiat gewöhnt hatte.

    In Gedanken schon bei meinem Einkaufsplan, wischte ich mit dem Schwamm die letzten Zeilen über den amerikanischen Bürgerkrieg von der Tafel.

    Wie immer war es schwer gewesen, die Jungs und Mädchen, hauptsächlich Einwandererkinder aus Mexiko, für den Stoff zu begeistern. Waren sie doch zum Teil erst seit kurzem in den Staaten und viele konnten weder schreiben noch lesen. In Mexiko hatten die meisten seit Jahren keine Schule mehr von innen gesehen.

    In Gedanken rechnete ich nach: vor 29 Jahren war ich in die USA ausgewandert und seit 23 Jahren unterrichtete ich an der Mission Highschool, hier in San Francisco. Es kam mir vor wie eine halbe Ewigkeit.

    Im Mission District, wo die Schule angesiedelt war, herrschte seit langem ein wildes Durch- und Nebeneinander an Kulturen. Der Krieg und die Unterdrückung in Lateinamerika hatte eine Flut von Flüchtlingen aus El Salvator, Nicaragua, Guatemala, Honduras und eben Mexiko ausgelöst. Sie alle zog es, neben den Koreanern, Indern, Filipinos und Samoanern, in das gemäßigte Klima von Mission.

    Trotz all den Problemen, die ein Job in so einem Viertel mit sich brachte, hätte ich nirgends anders unterrichten wollen.

    Es gelang mir vor allem aus einem Grund, mich als weißhäutige Frau bei den Kids durchzusetzen: man erhält stets soviel Respekt, wie man anderen entgegen bringt. Und Respekt vor dem Wert ihrer Persönlichkeit war etwas, was diese Jugendlichen sonst kaum erfuhren.




    Nach einigen Minuten packte ich meine Tasche und verließ das Schulgebäude. Der Wind, der vom Meer heraufzog, schlug mir kühl ins Gesicht. Fröstelnd knöpfte ich meine Jacke zu und ging schnellen Schrittes zur BART-Station.




    Zu Hause angekommen, machte ich mir einen Kaffee und versuchte Miller`s Car Service zu erreichen. Einige Minuten lang stritt ich mit dem Mechaniker herum, der entgegen aller Versprechungen noch drei weitere Tage für die Reparatur brauchen würde.

    Umständlich hängte ich den Hörer ein und stellte mit der anderen Hand die Kaffeetasse ab um zur Haustüre zu eilen, an der es soeben geklingelt hatte.
     
  11. Heaven

    Heaven Senior Member

    Als ich öffnete, stand dort ein junger Mann Mitte zwanzig. Mir war, als habe ich ihn schon einmal gesehen und doch war er mir ein Unbekannter.

    „Ja, bitte?“

    Er musterte mich mit seinen goldbraunen, wachen Augen und um seinen Mund spielte ein unmerkliches, fast spöttisches Lächeln.

    „Heaven?“

    Irritiert blickte ich zu ihm hoch. Er war wohl mehr als einen Kopf größer, von schlanker Gestalt und olivfarbenem Hautton. Sein Kastanienhaar stand ihm wiederborstig vom Kopfe ab.

    „Wer sind sie?“

    „Mein Name ist Jude India Roberts. Ich glaube wir kennen uns.“

    Mein Magen verkrampfte sich für einen Moment, Schmerz und Freude stiegen im Wettlauf auf zu meinem Herzen.

    „Jude!“

    Vorsichtig trat ich einen Schritt nach vorne und berührte seinen Arm, als wolle ich mich von der Existenz seines Körpers überzeugen, als wolle ich mir selbst beweisen, dass er kein Geist sei. Dann umarmte ich ihn zaghaft und hatte plötzlich das Gefühl durch diese eine Berührung in eine unglaublich ferne Zeit zurückzureisen.

    Ich hörte ihn einen Moment lang schwer schlucken, während ich ihn immer noch hielt.

    „Das letzte mal, als ich dich gesehen habe, passtest du noch auf meinen Schoß. Du konntest noch nicht einmal meinen Namen sagen. Bitte, Jude, komm rein, wir wollen nicht auf der Türschwelle unser Wiedersehen feiern.“

    Wir gingen ins Wohnzimmer und ich kochte uns grünen Tee. Während wir schweigend tranken, musste ich ihn ununterbrochen anschauen.

    Er hatte das Haar und Augen seiner Mutter und die Anmut seines Vaters wenn er sich bewegte. Wie alt war er heute? Siebenundzwanzig? Hatte er Familie, Kinder? Wie war es ihm in all den Jahren ergangen? Nie hatte ich gedacht ihn wieder zu sehen. Ich hatte so viele Fragen und dennoch war meine Zunge wie gelähmt.

    Jude sah sich in unserem Wohnzimmer um. Aufmerksam musterte er alle Einzelheiten und Bilder an den Wänden. Plötzlich stand er auf und ging zu einer alten Fotographie, die an der Wand hing. Er umschlag seinen Oberkörper mit den Armen als ob es ihn friere, so wie es River, sein Vater, immer getan hatte.

    „Meine Eltern, nicht wahr?“ fragte er leise.

    „Ja.“

    „Und das neben ihnen ist mein Onkel? Dein Mann?“

    „Ja, sieht May ihm nicht unglaublich ähnlich?“

    Langsam drehte sich Jude um.

    „Heaven. Es gibt einen Grund, warum ich hier bin.“

    Für einen Moment sah er mich schwermütig an. Mir schien, als stände mir River gegenüber.

    „Meine Mutter ist vor zwei Wochen bei einem Autounfall ums Leben gekommen. May ist tot. Ich dachte, dass ihr es sicher erfahren wollen würdet.“

    Für einen Moment wurde die Welt um mich leer und dann spürte ich nur noch, wie das heiße Wasser des Tees schmerzhaft auf meinem Oberschenkel brannte. Mir war die Tasse aus der Hand geglitten.
     
  12. Nihila

    Nihila Member

    weiter, weiter!! :)

    (ist das nicht komisch, dass ich ein hippiemädchen über die foren kennengelernt habe vor 2 jahren, welches auch river heißt?)
     
  13. weep

    weep Senior Member

    Ich will mehr!! *HändeindieHüftenstemmFüßetrampeln*
    ;) :)
     
  14. Heaven

    Heaven Senior Member

    ...

    Am nächsten Tag kam Jude wieder. Er war traurig, dass mein Mann auf Geschäftsreise war und er ihn so nicht vor nächste Woche kennenlernen würde.

    Es war ein regnerischer Tag, die Tropfen klopften ans Fenster. Jude kochte heute den Kaffee und servierte ihn, als fühle er sich wie zu Hause.
    Ich bewunderte die guten Manieren des Jungen. Er war überaus zuvorkommend und höflich. Jude kannte alle Anstandsregeln, er hatte sie wohl von früher Kindheit anerzogen bekommen.
    Doch seine Augen waren die eigenen. Ein gewisser Hochmut aber auch Schelm lachten darin. May hatte aus ihm einen wunderbaren jungen Mann gemacht.

    Mir wurde das Herz schwer vor Kummer, wenn ich an May dachte. Sie war meine beste Freundin gewesen. Damals. Bevor alles so schrecklich anders wurde. Bevor wir einander für immer verloren hatten. Der Schmerz durchdrang mich und erzeugte Übelkeit. Seit gestern konnte ich keine Nahrung mehr zu mir nehmen. Schnell richtete ich meine Aufmerksamkeit auf Jude um mich abzulenken.

    "Ich kann es nicht verstehen, ich kann meine Mutter nicht begreifen." meinte Jude, zog seine Converse Turnschuhe aus und setzte sich im Schneidersitz aufs Sofa.
    Ich mochte seine kleine Zahnlücke und die Bewegung der Zunge, die beim Sprechen manchmal seine Lippen berührte. Er war ein gutaussehender junger Mann, mit gewinnender Ausstrahlung. Ein wenig alternativ und ich war mir fast sicher, dass er Grateful Dead und Pearl Jam hörte.

    "All die Jahre hat sie nie über euch gesprochen. Den Namen meines Vaters sollte ich am besten gar nicht erwähnen. Was ist nur geschehen, dass sie sich so von ihrer Vergangenheit gelöst hat?"

    "Das ist eine lange Geschichte, Jude."

    "Dann erzähl sie mir. Es ist einer der Gründe, warum ich euch aufsuchen wollte. Ich vermisse sie so sehr." Für einen kurzen Moment dachte ich, er würde weinen.
    Doch er hatte diesen stolzen und verletzlichen Blick seines Vaters. Ich wusste, er würde mir gegenüber keine Schwäche zeigen.

    Sollte ich es tun? May noch ein letztes Mal in den Rücken fallen und ihm alles erzählen? Über seine Mutter, seinen Vater, über ihre und somit seine Vergangenheit? Doch ich empfand, dass er das Recht auf eine Vergangeheit hatte.

    "Wo wohnst du zur Zeit?"

    "In einem Hostel im Castro District"

    "Darf ich fragen, wo ihr vorher gewohnt habt? Ich habe das Gerücht gehört, May ist mit dir nach Indien, nachdem sie untergetaucht ist?"

    "Das ist wahr. Wir haben dort fünf Jahre gelebt. Danach sind wir nach Florida gezogen. Meine Mutter hat dort bis zuletzt gewohnt. Ich bin bereits vor fünf Jahren nach Kalifornien gezogen und habe dort geheiratet."

    "Oh, wie schön zu hören. Hast du Kinder?"

    "Ja, zwei Jungs, zwei und vier Jahre alt. Sie sind einfach großartig."

    "Die Zeit vergeht. Eben warst du noch ein Baby, das ich in den Schlaf gesungen habe und nun hast du bereits selbst Kinder. Hat May geheiratet?"

    "Nein. Ich habe sie nie mit irgendeinem Mann gesehen. Sie war die stolzeste Frau, die ich je kannte. Warum musste sie so jung sterben?"

    Ich dachte einen Moment selbst über den Tod nach, bevor ich den Gedanken unbehaglich verdrängte. May war ein Jahr Jahr älter als ich. Sie war mit nur 49 Jahren aus dem Leben gerissen worden.


    "Weißt du, Jude, ich kann dir eine Geschichte erzählen. Aber es kann nur meine eigene Geschichte sein - mit deinen Eltern als Mitwirkenden. So wie ich sie erlebt habe, damals im wilden Durcheinander der späten sechziger Jahre in San Francisco."


    Erwartungsvoll sah er mich an.
     
  15. Southernman

    Southernman Boarischer Rebell

    Und alle alle warten mit ;)
     
  16. Heaven

    Heaven Senior Member

    "Wo fange ich am besten an?"

    "Vielleicht da, wo du von Deutschland nach Amerika ausgewandert bist? Eines der wenigen Dinge, die mir meine Mutter über dich erzählt hat ist, dass du eigentlich Deutsche bist. Leider hat sie mir so viel vorenthalten."

    "Das macht mich traurig, aber du wirst es vielleicht begreifen, wenn ich dir die ganze Geschichte erzählt habe."

    Ich legte "the freewheelin", meine Lieblingsplatte von Bob Dylan, auf und setzte mich wieder in den Sessel gegenüber von Jude. Er würde viel Zeit mitbringen müssen.




    "1965 habe ich mein Abitur in meiner Heimatstadt München gemacht. Mein Vater war Polizist und meine Mutter arbeitete als Journalistin. Geschwister hatte ich keine.

    Meine "middleclass" Kindheit war eher langweilig verlaufen. Aus Schule hatte ich mir nie viel gemacht, auch wenn ich mein Abitur, vor allem in den sprachlichen Fächern, ganz gut abgeschlossen hatte. Nach dem Abitur schwebte mir eine Dolmetscherausbildung vor, doch ich verbrachte erstmal ein Jahr nur mit herum gammeln.

    Zu dieser Zeit war ich in der neuen "Linken und Intellektuellen" Szene Münchens untergetaucht, kiffte fast jeden Tag und las Marcuse, Balcak, Bebel, Schoppenhauer und Hegel.

    Ich gehörte zu den Jugendlichen, die Rudi Dutschke, den Sozialistischen Deutschen Studentenbund, SDS, und die Außerparlamentarische Opposition, APO, unterstützten. Wir waren zwar keine absolut politisch geprägten Menschen, doch wir wollten uns nicht mit dem zufrieden geben, was unsere Eltern uns vorlebten.

    Bis zu den sechziger Jahren hatten "Teenager" an sich gar nicht existiert, denn die jungen Menschen kleideten sich wie ihre Eltern und hörten dieselbe Musik. Sie akzeptierten das Leben wie ihre Eltern zu leben: farblos und hart arbeitend.

    Der junge Rudi Dutschke, als revolutionärer Kämpfer für mehr Rechte und Freiheit war uns deshalb willkommen.

    Der Punkt, der für mich das Besondere an den 60ern ausmacht ist, dass die westliche Jugend den Aufstand probte wie keine Generation mehr nach ihr. Ihr Protest ging gegen den Staat, der nicht wusste, was "Demokratie wagen" heißt, gegen die Hochschulen, die wegen fehlender Reformen und neurotischem Druck tausende Studenten aus revolutionärer Entschlossenheit auf die Straße trieben.

    Während wir im Geiste die Revolution planten, war in den U.S.A längst Marilyn Monroe an einer Überdosis und John F. Kennedy bei einem Attentat ums Leben gekommen. Martin Luther King hatte 100000 Menschen in den "March on Washington"geführt, die Beatles hatten die USA im Sturm erobert und die ersten Bodentruppen waren vom gleichen Land nach Vietnam geschickt worden.




    In diesem Jahr des "Nichtstuns" war ein anderer Plan in mir herangereift. Schon seit langer Zeit träumte ich davon auszusteigen. Richtig zu Hause hatte ich mich in meinem Heimatland nie gefühlt. Weder die bayrische Kultur und Bräuche, noch mein oberflächlicher Freundeskreis würde mich für Dauer an diesem Ort halten.

    Schon als Kind hatte ich das Gefühl, meine Mutter hätte mich am falschen Ort geboren und wälzte Bücher über Amerika. Da ich mir weniger Engstirnigkeit und dafür mehr Umsturz und freie Liebe erhoffte, schien San Francisco, das ich aus zahlreichen Reiseführern kannte und liebte, am geeignetsten. David, ein Bewohner der linken WG, in der meine Freundin Susanne lebte, war für ein Jahr dort gewesen und hatte mir von der Intellektuellen und Künstlerszene San Franciscos, auch Beatniks genannt, erzählt. Er berichtete, dass langsam die ersten Hippies auftauchten und das Ruder in der Bay Area übernahmen. David schwärmte von dem Leben in San Francisco. Alles schien dort viel größer, schneller und freizügiger. Das bewegte mich noch mehr, als der rein oppositionelle Lebensstil der deutschen Jugend. David wollte Frühsommer des nächsten Jahres wieder nach San Francisco zurückkehren und bot mir an, mich mitzunehmen. Das Leben als Aussteiger schien mir reizvoller als alles andere. Aber wie?

    Nachdem ich mich ein wenig informiert hatte, bewarb ich mich an der Universität Berkley um ein Studium der Sprachwissenschaften. Ich wurde für das Jahr 1966 angenommen. Natürlich wollte ich mich nur einschreiben und erstmal frei sein. Meinen Eltern gegenüber rechtfertigte ich meine Pläne damit, dass ich für ein, zwei Jahre mein Englisch verbessern wolle, um dann als Dolmetscherin zu arbeiten. In Wirklichkeit hatte ich keine Pläne für die Zukunft mehr.
     
  17. Heaven

    Heaven Senior Member

    Im April 1966 landeten David und ich in Chicago. Der Flug dorthin war fast halb so teuer, wie der nach San Francisco. Im Herbst sollte mein offizielles Studium beginnen und die Aufenthaltsgenehmigung fühlte sich angenehm warm zwischen meinen Fingern an.



    In Chicago hielten wir uns nur kurz auf, denn wir hatten uns vorgenommen, spätestens in drei Wochen die USA durchquert zu haben. David hatte das Ganze schon einmal per Anhalter gemacht und so verließ ich mich ganz auf ihn. Allerdings wollten ich mir für diese Reise einen fahrbaren Untersatz kaufen.

    Wir trampten vom Flughafen in die Stadt, wo wir für 350 Dollar einen gebrauchten VW-Bus erstanden. Er war grau und hässlich mit purpurnen Vorhängchen vor den Fenstern.

    Ich taufte ihn deshalb auf den Namen „Purple“.

    Es gab nur zwei Sitze in dem Bus, den des Fahrers und den des Beifahrers. Der Rest war Ladefläche. Laut dem spanischen Autoverkäufer hatte Purple die letzen Jahre bei einem Farmer in der Scheune verbracht. In Chicago kauften wir uns eine große Matratze, die uns auf der Ladefläche als Nachtlager dienen sollte.

    David und ich hatten nicht viel gemein aber wir respektierten uns mit der für Weggenossen notwendigen Höflichkeit. In San Francisco sollte ich ihn absetzen und unsere Wege würden sich trennen.

    Bereits an diesem Tag machten wir uns auf die Reise. Wegen unseres eigens gesetzten Zeitlimits besichtigen wir nur wenige sehenswerte Städtchen entlang des Highways. Alles in mir drängte nach San Francisco.

    Ein paar Mal verfuhren wir uns und beschlossen so, häufig Anhalter mitzunehmen, die uns den Weg wiesen. Sie konnten uns Straßen zeigen, die nicht selten eine Verkürzung der Strecke um hundert Meilen versprachen und nur Ortskundigen bekannt waren.

    Für mich, die nie zuvor Deutschland verlassen hatte, war Amerika beeindruckend überdimensional und mächtig. Vor allem an Kalifornien, als wir es endlich erreicht hatten, verlor ich sofort mein Herz. Die typischen grünen Schilder der Freeways, der üppige Bewuchs an den Straßen, Eukalyptusbäume mit silbrigen Blättern und sich schälender Rinde. Kalifornien war fremd und doch so vertraut.

    Die Nächte verbrachten wir immer in kleinen Städten entlang der Highways. Wir stellten Purple vor gut beleuchtete Hotels oder auf dem Parkplatz einer Jugendherberge ab und zogen die Vorhänge an den Fenstern des Busses zu. Dann schlossen wir uns im Inneren des Fahrzeuges ein, um ungebetenen Besuch zu vermeiden.

    Zwei mal wurden wir von der Polizei angehalten, die uns, nachdem sie unsere Papiere kontrolliert hatten, kopfschüttelnd weiter fahren ließen. Sie hatten wohl in den letzten Jahren zu viele von diesen „Aussteigern“ erlebt. Ich war froh, dass David dabei war. Mit seinem fließenden Englisch und seiner „USA-Erfahrung“ managte er souverän Situationen in denen ich nicht mehr weiter wusste.




    In einer kleinen Stadt, deren Namen ich nicht einmal mehr weiß, machten wir uns am Abend auf den Weg um etwas zu essen. Wir besorgten uns ein paar Sandwichtes und setzten uns auf eine Parkbank, um sie zu essen.

    Plötzlich gesellte sich eine große, wuschelige und sichtlich hungrige Promenadenmischung zu uns. Wie hypnotisiert fixierte der Hund mit großen Augen unser Abendessen. Da ich Tiere schon immer liebte, teilten wir uns mein Abendessen.

    Der Streuner zeigte sich insoweit dankbar, dass er uns den ganzen Weg zu Purple hinterher lief. Ich setzte mich vor den Bus und streichelte den Hund, der sich genüsslich auf den Rücken legte um mir zu signalisieren: kraul mich am Bauch. Natürlich hatte ich ihn gleich ins Herz geschlossen. David, der nicht viel mit Hunden anfangen konnte, zeigte sich nicht sonderlich begeistert, als ich vorschlug das Tier als weiteren Reisebegleiter mitzunehmen. Letztlich siegte jedoch mein Dickschädel und David gab sich mit dem Gedanken zufrieden, dass es nur noch wenige Tage bis San Francisco waren.



















     
  18. Nihila

    Nihila Member

    weiter, weiter, weiter! wenn das in buchform wäre, dann würde ich es nicht aus der hand legen. ehrlich.
     
  19. Heaven

    Heaven Senior Member

    Es war schon spät am Abend und so ließen wir den Vierbeiner zu uns in den Bus steigen. Zumindest für zwei Minuten. Dann merkten wir, dass es unmöglich war, mit diesem Tier auf einem Raum von 2 mal 2,50 Meter zu schlafen. Er duftete wirklich äußerst streng.

    Als ich am nächsten Morgen aus dem Bus kroch, war der Hund immer noch da. Er lag vor Purple und leckte sich zufrieden die Pfoten, als er mich sah.

    David schlief noch und um ihn nicht zu wecken, schloss ich vorsichtig die Bustüre.

    Erwartungsvoll sahen mich zwei Hundeaugen an.

    „Na, du kleiner Dandy, hast du schon Frühstück gemacht?“ fragte ich ihn und bekam ein Schwanzwedeln zur Antwort. Natürlich hatte er das nicht und freute sich um so mehr über die Würstchen, die ich ihm servierte.

    So hatte ich einen Hund. Und der Hund seinen Namen.

    Dandy war eine leicht boshafte Anspielung, denn es ist ja die Bezeichnung eines ästhetisch eingestellten, arroganten aber sehr eleganten Herren, der versucht, aus sich ein Kunstwerk zu machen.

    Ich packte also meinen neuen Begleiter und zerrte ihn an den nahegelegenen Fluss, wo ich ihn vom großen Wuschelkopf bis zur Pfote mit Kernseife abschrubbte. Unter der grauen Schicht kam ein rotbraunes Fell zum Vorschein, das wohl noch nie ein Stück Seife gesehen hatte. Am Hals hatte Dandy eine etwa fünf Zentimeter lange Narbe. Ich wollte nicht daran denken, was der arme Kerl wohl in seinem bisherigen Leben erlebt hatte.

    Als Dandy trocken war, machten wir uns auf die Weiterreise. Mein Hund zeigte sich wirklich als Gentleman der alten Sorte. Nachts saß er an unserem Kopfende bis ich eingeschlafen war, als wolle er mich bewachen. Auch sonst stellte er sich als intelligenter, lieber und anhänglicher Freund heraus. Nur mit der Folgsamkeit tat sich Dandy etwas schwer. Dabei war es egal, ob er die Anweisungen auf Deutsch oder Englisch ignorierte. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten gelang es ihm jedoch auf „Sitz“, „Platz“ und „Bleib“ zu hören.

    Ich konnte nie begreifen, wie jemand einen so reizenden Hund einfach auf die Straße setzen konnte. Doch in Amerika saßen nicht nur die Hunde auf der Straße. Es gab viele obdachlose Menschen und die Grenzen zwischen Arm und Reich klafften noch weiter auseinander als ich es in Deutschland erlebt hatte.




    Etwa 25 Meilen vor San Francisco mussten wir einen Reifenwechsel vornehmen. Ich wollte gar nicht daran denken, was ich in diesem Fall ohne David gemacht hätte.

    Wir waren nun auf dem Highway 101 und das Ziel meiner Träume war zum Greifen nah. Je näher wir Frisco kamen, desto öfter sahen wir trampende Freaks.




    Das waren sie also, die berühmten Blumenkinder. Mit langen,wirren Haaren, Nickelsonnenbrillen, Tüchern im Haar und bunten Klamotten, die Karnevalsverkleidungen nicht unähnlich waren.

    In Deutschland gab es zu dieser Zeit kaum junge Menschen, die sich ähnlich kleideten und die ersten, im Münchner Hofgarten nächtigenden Gammler wurden von Passanten und der Polizei verprügelt.




    Kurz vor Sausalito, einem kleinen Fischerdorf, 13 Kilometer nördlich von San Fran beschlossen wir eine junge Anhalterin mitzunehmen. Sie war etwa in meinem Alter und stellte sich mit dem Namen May vor.




    May hatte langes, rotbraunes Haar, das ihr bis zur Hüfte reichte. Sie trug eine orange Bluse mit Blumenornamenten und darüber eine weiße Stola, ebenfalls mit Blumen geschmückt. Dazu, eigentlich völlig unpassend, eine längsgestreifte Hose. Bunte, wohl selbst gemachte Perlenketten zierten ihren langen Hals und wenn sie sprach, tanzten ihre schlanken Hände wie zu Musik und hatten ihre eigene Sprache.

    Unglaublich fand ich ihre Sonnenbrille, deren Gläser blaue Herzen darstellten.
    Ich muss May fasziniert angestarrt haben, denn sie fragte mich irritiert, ob wir neu in der Stadt seien. Als wir ihr erklärten, Deutsche zu sein und was wir vor hatten, war sie überrascht und neugierig.

    Das Hippiemädchen sprach den Jugendslang San Franciscos und es fiel mir machmal schwer, ihren Worten zu folgen. David, der ja schon eine Zeit hier verbracht hatte, schien keine Probleme zu haben, sie zu verstehen. Sie unterhielten sich angeregt.

    Doch May bezog mich immer wieder in das Gespräch ein. Es schien, als fände sie mich in meinen alten, spießigen Klamotten genauso exotisch, wie ich sie.

    Sie stellte uns unendlich viele Fragen: warum wir Deutschland verlassen hatten, was ich mir von der USA erwartete, ob wir unsere Freunde nicht vermissten, was in unserem Heimatland so los wäre und wie die Leute dort „drauf“ sein, was wir von Drogen hielten, was in Deutschland diesbezüglich auf dem Markt sei, wie wir zu Politik ständen usw.

    May war mir auf Anhieb sympathisch, denn sie ging locker mit einer ungespielten Offenheit, die in dieser Form nur den Hippies eigen war, auf mich zu.

    Ich erzählte ihr von von meinen Ziel, das freie Aussteiger-Leben zu genießen und nur die Sonne, Freiheit und Liebe auf meiner Haut zu spüren.

    May war erstaunt, dass mich zu Hause keine Familie oder Freunde hielten, weil ich mit fast niemandem dieses Denken teilen konnte.

    „Ich könnte mir keinen Tag ohne meine Freunde, die meine Familie sind, vorstellen!“, meinte sie kopfschüttelnd.

    „Gibt es in San Francisco die Hippies, wie ich sie mir vorstelle?“, fragte ich sie, als wir den Berg hinauf die Ausfahrt nach Frisco nahmen.

    „Ich weiß nicht genau, was du dir vorstellst, aber es gibt hier eine Szene und ich liebe sie!“
     
  20. Heaven

    Heaven Senior Member

    dein Wunsch sei mir Befehl, sister *g*...

    btw. ihr könnt hier gerne konstruktive kritik daran äußern. vielleicht schaff ich es heute abend noch ein paar seiten zu posten.
     

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